KretschmerFotografie | Zeit für Veränderungen
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Zeit für Veränderungen

Vor etwas über drei Jahren habe ich ein ehrgeiziges Projekt auf unserem Blog gestartet. „Fit by Fifty“, wollte ich werden – 50 Jahre alt und trotzdem fit. Es konnte ja nicht so schwer sein, dem „Älterwerden“ etwas entgegenzusetzen. Doch buchstäblich über Nacht kam dann mein persönliches Fiasko und beendete mein ehrgeiziges Projekt auf Schlag. Im wahrsten Sinne des Wortes. SCHLAGANFALL lautete die Diagnose. Tatsächlich bin ich morgens aufgewacht und fühlte mich als wäre ich im falschen Leben. Ich war müde, sehr müde. Daran erinnere ich mich genau. Ich hatte den Abend vorher mit meinem Mann Stefan verbracht. Open Air in Wachtendonk. Nichts Besonderes – einfach ein schöner Abend. Viel gelacht und getanzt. Alles ohne Alkohol, weil ich am nächsten Tag keinen „dicken Kopf“ riskieren wollte. Aber am nächsten Tag fühlte es sich dann doch so an. Nach Hochprozentigem. Ich weiß nicht mehr wie ich die steile Treppe in den Flur herunter gekommen bin, aber ich weiß noch, dass die Tür zum Bad offen stand und ich nicht durchgehen konnte. Ich bin einfach gegen den Türrahmen gelaufen. Irgendwie war ich verwundert, aber auch so müde. Ich hab´s Niemandem erzählt und bin wieder ins Bett gegangen. Eine Stunde Schlaf später hatte sich nichts verändert. Ich erzählte meinem Mann und meinen erwachsenen Kindern von meinem Malheur, bekam aber nur den augenzwinkernden Hinweis, dass Alkohol eben diese Nachwirkungen haben könne und dass es wohl ein feucht fröhlicher Abend gewesen war. Außerdem hätte ich gerade erstaunliche Ähnlichkeit mit Mad Ey Moody.

Ich beteuerte meine Abstinenz am vorangegangenen Abend und langsam, ganz langsam dämmerte mir, dass etwas ganz Anderes für meinen schwankenden Gang und meine starren Gesichtszügen verantwortlich sein musste. Wir rätselten gemeinsam was wohl die Ursache für meine Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen war und ich erinnere mich, dass ich innerlich erschrocken feststellte: „Dann ist es ein Schlaganfall“. Mein Sohn googelte die Symptome und bestätigte unsere vorläufige Diagnose. Was nun? „Jede Minute zählt“ las er uns vor und so fand ich mich, mein Mann an meiner Seite, nach kurzer Zeit auf der sogenannten „Stroke Unit“ im Moerser St. Josef Krankenhaus wieder. Unsere Diagnose hatte sich bestätigt. Die gute Erstversorgung verhinderte wohl das Schlimmste, ich selber habe diese aber gar nicht wirklich wahrgenommen. Ich war einfach froh endlich schlafen zu können.

Erst als meine Kinder am nächsten Morgen tief erschrocken beim Anblick der Infusionen und Verkabelungen an meinem Bett standen, wurde mir ansatzweise klar, was passiert war. Ich hatte einen Schlaganfall gehabt. Ich, die immer ein schier unendliches Vertrauen in meinen Körper gehabt hatte, lag nun in einem Krankenhausbett, sah jedes meiner Kinder doppelt und konnte nicht mal mehr einen Türrahmen passieren, ohne gegen die Zarge zu stoßen. Trotzdem blieb ich zuversichtlich, ich hatte schließlich bei Allem noch großen Glück gehabt. Nach wenigen Tagen schien mir der Wechsel auf eine „normale „Station also fast schon wie das Ende meiner schwierigen Situation. Endlich wollte ich Aufstehen, duschen und wenn möglich nach Hause. Die Warnungen der Schwestern hätte ich gerne ignoriert, im Nachhinein bin ich allerdings recht froh drum, dass ich es nicht getan habe. Obwohl ich auf „heißen Kohlen“ saß, wartete ich also mit dem Aufstehen dann doch, wenn auch recht ungeduldig, auf meinem Mann und als ich an seinem Arm die 1,5 Meter bis zum Waschbecken meisterte, schein es mir als würde ich mindesten 3 Kilometer auf einem winzigen Schiff bei stärksten Wellengang zurücklegen, so sehr schwankte der Boden. Die neue Station war wohl doch nicht so ganz das Ende meiner Misere. Bis heute empfinde ich das Gefühl von Schwindel oder schwankenden Untergründen als zutiefst bedrohlich.

Während ich also in der Klinik lag und in kleinen Einheiten mit professioneller Hilfe meine Koordination und Wahrnehmung verbesserte, standen mein Mann und meine Kinder zu Hause vor der Herausforderung das Schlimmste zu verhindern. Mein Mann und ich hatten eine klare Arbeitsteilung, während er Vollzeit arbeitete erledigte ich meine selbständige Arbeit als Fotografin halbtags und kümmerte mich ansonsten um Kinder, Tiere, und Haushalt. Ich hatte eine ausgeklügelte Struktur um unseren Alltag gut zu schaffen, aber jetzt war ich weg und mit mir meine Sicherheit und Routine. Meine jüngsten Kinder waren damals neun und 12 Jahre alt, der erste Schultag nach den großen Ferien stand bevor. Wir hatten alle Besorgungen und Vorbereitungen für einen guten Schulstart ans Ende der Ferien geschoben und ich glaube mein Mann hatte keinen blassen Schimmer, was ein Kind so alles braucht für einen gelungenen ersten Schultag oder wo er die Listen suchen sollte, auf denen – so hatte ich es ihm gesagt – alle notwendigen Infos stünden. Und Hefte, Bücher, neue Kleider und glitzernde Bleistifte zu besorgen sollte nicht die größte Herausforderung bleiben, auch wenn ich zugeben muss, dass es schon einen sehr hohen Schwierigkeitsgrad hat, den RICHTIGEN glitzernden Bleistift für ein zwölfjähriges Mädchen zu finden.

Mein Mann musste sich trotz geringem Verständnis seines Arbeitgebers, die Nachmittage freischaufeln um Zeit für mich und die Mädels zu haben. Alle zusammen, gemeinsam mit meinen erwachsenen Kindern Inga und Nils,  fingen sie in dieser Zeit mein Leben auf. Mein Mann besuchte mich so oft er konnte in der Klinik. Inga und Nils verbrachten dann die Nachmittage bei Nele und Mia, trösteten sie, halfen ihnen bei allen anstehenden Arbeiten für die Schule, kochten aber auch oder erledigten den Haushalt. Wann immer Zeit war kamen sie mit den Mädels im Krankenhaus vorbei. Ich selber konnte zu diesem Zeitpunkt das Engagement meiner Familie gar nicht richtig einschätzen. Ich hatte den Bezug zur Realität noch nicht wirklich wieder hergestellt und es stellte sich später heraus, das mir das lineare Denken, also die Fähigkeit einfache Ursache-Wirkung-Zusammenhängen zu verstehen und in einfachen Wenn-dann-Abfolge zu denken vorübergehend abhanden gekommen war. Das hört sich jetzt recht simpel an, aber als Mutter von vier Kindern und gleichzeitig selbständige Fotografin ist es existenziell den Ablauf verschiedener Tätigkeiten sinnvoll und folgerichtig koordinieren zu können. Wer das nicht kann versinkt im Chaos.  Während meine Familie zu Hause lebte und arbeitete verbrachte ich einen mehr oder weniger skurrilen Alltag in Klinik und Reha. Korbflechten und Standarttanz gehörten ebenso dazu wie Koordinations- und Schwimmtraining oder der Besuch beim Psychologen, der meine Defizite auslotete. Als ich beim Standarttanz die Partnerin eines über 80jährigen ersetzte, fasste ich den Entschluss meine Rehabilitation selbst in die Hand zu nehmen und endlich nach Hause zu gehen.

Es war so schön nach Hause zu kommen. Nie mehr Korbflechten , mein eigenes Bett, mein Mann und meine Kinder. Mein Leben ging weiter, etwas chaotisch, aber ich war zurück. Alle freuten sich und ich lud meine Familie ein mit mir zu essen. Es war Herbst und ich kochte Kürbissuppe. Ich suchte mir ein leckeres Rezept, aber da es etwas Besonderes werden sollte verfeinerte ich die Rezeptur mit Ingwer. Eine ganze Knolle sollte es sein. Ich schlug die Warnungen meines Mannes, Ingwer sei sehr intensiv, in den Wind und kochte nach meiner eigenen Version. Die Gesichter der Kinder beim ersten und letzten Löffel der Suppe werde ich wohl nie vergessen. Es war ungenießbar. Diese Art von Misserfolg sollte mich ab jetzt eine ganze Zeit lang begleiten. Ich war es gewohnt mir selbst zu vertrauen und wollte das auch weiterhin. Jetzt musste ich leider feststellen, dass diese innere Stimme die sich so sicher anhörte keinesfalls vertrauenswürdig war. Wenn ich mit dem Auto auf ehemals bekannten Wegen unterwegs war fuhr ich, wenn ich mir vertraute die aberwitzigsten Umwege und die Mädchen gewöhnten sich an, mir frühzeitig und lautstark den Weg zu soufflieren. Ich gewöhnte mich also, wenn auch wiederstrebend, daran dass jeder neue Tag mit Herausforderungen gespickt war, die ich glaubte längst hinter mir gelassen zu haben. Sicherheit war in dieser Zeit ein Fremdwort. Ich nahm all meinen Mut zusammen um letztendlich herauszufinden, was ich konnte und was ich nicht konnte. Mein Fazit: Mein Alltag bestand in erster Linie aus Dingen, die ich nicht mehr konnte. So fiel es mir unglaublich schwer den Einkauf zu planen oder durchzuführen. Bis heute macht das mein Mann, was definitiv eine sehr gute Auswirkung meines Schlaganfalls ist.

In einem wahnwitzigen Anfall von „ Such dir was aus, Mia, das du mit mir unternehmen möchtest, ich mache es mit dir“ brachte meine kleinste Tochter mich eines Tages dazu mich meiner größten Angst zu stellen: Schwankende Untergründe mögen für die meisten nicht sonderlich spektakulär sein, für mich sind sie allerdings noch immer der blanke Horror. Mias Wunsch war es, gemeinsam mit mir in den Kletterpark zu fahren und – jetzt kommt’s – auch tatsächlich zusammen zu klettern. In einer Höhe von mindestnens 3,50 Meter. Also stellte ich mich der Herausforderung Abenteuerparcours im Süchtelner Kletterwald. Beim ersten Wackeln, und es wackelt unentwegt, liefen mir die ersten Tränen übers Gesicht und meine Angst schien ins Unermessliche zu klettern wenn Mia mehr als drei Schritte von mir entfernt war. Noch Stunden später schwankte der Boden unter meinen Füßen, aber ich hatte es geschafft und ein Teil meiner Angst ist im Klettergarten geblieben. Mittlerweile bin ich schon einige Male dort gewesen und wirklich stolz darauf. Das ist auch nur eines von vielen Beispielen. Immer, wenn ich etwas nicht konnte, habe ich echte, tiefe Traurigkeit empfunden und oft mehr als einen Anlauf benötigt um weiter zu machen. Ich habe große Hochachtung vor meiner Tochter Inga, die meine tiefe Enttäuschung, meine Tränen und meine Angst ausgehalten hat und darüber hinaus immer die richtigen Worte fand um mir den nächsten Schritt zu erleichtern oder gar zu ermöglichen. Mit winzigen Erfolgen setzte ich mit Hilfe meiner Familie einen Fuß vor den anderen. Heute bin ich nicht selten erstaunt darüber, welchen Weg wir dann doch zurück gelegt haben.

Das anfängliche Chaos verschwindet zunehmend. An manchen Tagen finde ich mich blendend zurecht, an manchen Tagen beherrsche ich das Chaos und nur noch an wenigen Tagen versinke ich darin. Dafür habe ich jeden einzelnen Tag gekämpft. Das macht mich stolz. Stolz auf mich, meinen Mann und meine Kinder. Während den letzten drei Jahren haben mir meine Kinder immer vertraut und mir damit den Mut gegeben mir ebenfalls wieder zu vertrauen. Ich arbeite wieder mit Spaß und Erfolg und bin den Anforderungen meines Lebens gewachsen. Der Schlaganfall gehört unauslöschlich zu meinem Leben aber ich bin so stabil, dass es jetzt wieder Zeit wird für Veränderungen: In den letzten Jahren hat meine Tochter Inga hier „den Laden geschmissen“. Unser gemeinsames Unternehmen lag hauptverantwortlich in ihren Händen, weil ich einfach nicht mehr leisten konnte, was dazu nötig war eine erfolgreiche Selbstständigkeit am Laufen zu halten. Doch seit genau einer Woche und fünf Tagen sitze ich wieder am Ruder. So richtig. Wo ich in den letzten Jahren schon all‘ meine Kraft aufwenden musste, um das „Business as usual“ mit meinem Alltag unter einen Hut zu kriegen, merke ich langsam wie wieder neue Ideen in meinem Kopf, Gestalt annehmen. Ich freue mich schon jetzt auf jedes einzelne Shooting in den nächsten Monaten, denn grade in der letzten Zeit ist mir klar geworden, wie besonders die Momente sind, die wir mit Bildern festhalten.

Fotos haben mich während meiner gesamten Zeit nach dem Schlaganfall begleitet – nicht nur weil es mein Job ist zu fotografieren, sondern weil ich Fotos liebe. Unsere Familienfotos, die zeigen wie wir wirklich sind, die Zusammenhalt und Liebe besser ausdrücken als Worte es je könnten. Immer wenn ich mir diese Bilder angesehen habe, dann wusste ich, dass sich mein Weg lohnt. Für meine Familie, für unseren Alltag, für unser Leben. Und genau das ist es, was „Kretschmer Fotografie“ ausmacht: Wir machen Fotos die authentisch sind, echt und natürlich. Fotos die nicht spektakulär inszeniert sind und grade deswegen zeigen was im Leben am Wichtigsten ist. Es gab wohl keine Zeit in meinem Leben in der mir so sehr bewusst geworden ist, dass es Augenblicke gibt, die kann man nicht wiederholen. Und genau deswegen ist es so wichtig sie bewusst zu erleben, sie mitzunehmen und sich zu bewahren – für jene Momente in denen man einfach mal eine Erinnerung braucht, die einem zeigt: „Hey, du hast da was, das ist das Allergrößte“.

 

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